Presserückblick
Vor 20 Jahren gründeten sechs Kirchberger den Kulturverein open Ohr. Am Sonntag wurde diesem Ereignis am Gründungsort – in der «Eintracht» – mit einem Brunch und Konzerten von Stahlberger und Knuts Koffer gedacht.
Manuel Stahlberger nimmt für Auftritte regelmässig den «verdammt langen Weg von St. Gallen nach Kirchberg» unter die Füsse. Oder kommt, wie gestern, mit Bahn und Bus. Trotzdem.
Denn, so sagt Stahlberger: «Es ist immer seltsam, die schönste und sicherste Stadt im ganzen Bodenseeraum zu verlassen». Der Dreck falle hier halt auf, jetzt, wo man in der Gallusstadt nicht mehr dran gewöhnt sei. Und auch die Alder-&-Eisenhut-Mätteli auf dem Trottoir fehlten. Wenn Stahlberger solche Beobachtungen anstellt, erwähnt er sie wie Anmerkungen. Trocken wie Fussnoten, aber gnadenlos satirisch. Nur sind sie zu gut und zu komisch, um nicht gewollt zu sein.
Bei Mitgründer Metzger
Zweimal spielte der Multiinstrumentalist mit Kollege Moritz
Wittensöldner als Prix-Walo-gekröntes Duo Mölä & Stahli in Kirchberg,
einmal mit Klangtüftler Stefan Heuss als Stahlbergerheuss. Die
regelmässige Rückkehr ins Untertoggenburg samt jeweils euphorischer
Publikumsreaktion veranlasste die Open-Ohr-Programmierer Max Weber,
Maria Winiger und Markus Fuchs auch, den St. Galler für den gestrigen
Jubiläumsbrunch einzuladen.
Für den Anlass ausgewählt hatte der Vorstand just jenen Ort, an dem der Kulturverein am Samstag, 9. November 1991, gegründet worden war (kleines Bild): die «Eintracht». Sie ist heute Beiz und Konzertlokal von Bruno Metzger, der vor 20 Jahren als OK-Präsident für das erste Kirchberger Open Air den Verein im Vorstand mitbegründet hatte. Damals stapelte er Holzpaletten für eine Bühne, gestern schenkte er Kaffee nach.
Heimelig und unheimlich
Stahlberger betrat die Bühne, ganz ungewohnt, allein, und liess die 88
Zuhörerinnen und Zuhörer in der ausverkauften «Tracht» bei Rösti und
Birchermüesli von seinem ersten Soloprogramm «Innerorts» kosten. Darin
verbindet der Liedermacher und Comiczeichner («Herr Mäder») die zwei
Kunstformen: Stahlberger «singt vom heimeligen und unheimlichen Alltag
und Irrsinn in der Schweiz, zeigt Dias von vorigen Kantonswappen und das
Leben Jesu in Piktogrammen».
Dabei zeigte er sich, ganz und gar nicht ungewohnt, fingerzeigend scharfzüngig und enttarnend ehrlich. Sang etwa von den Nachbarn der Kirchberger: «Me sind Flowiler, Langwiler, hends läss und Jazz, …, mengmol gönd mer zäme e Wuchenend go träume, mengmol tüend mer ganz spontan öppis afange sammle, …, mengmol lütemer eifach ah und säged: <Do isch dä Telefonjasser.>»
Rückblickend, zukunftsweisend
Eine Art Zürisee-Pendant zum Barden aus dem Bodenseeraum sind die
Rapperswiler Frédéric Zwicker und Matthias Tschopp. Mit ihrer Band Knuts
Koffer traten sie am Sonntag zweimal, vor und nach Stahlberger, auf. Sie
liessen sich nichts von der verständlichen Müdigkeit anmerken, für
welche die Plattentaufe ihres Drittlings «Fair Trade» in der
Samstagnacht gesorgt hatte. Was sie spielen, bezeichnen sie als
Tollhausmusik. Was Zwicker besingt, ist alles von der Heilsarmee über
Antibiotika bis zu schmerzenden Eiern – jene salonfähig im Spanischen «mis
cojones me duelen» verpackt.
Der Jubiläumsbrunch vereinte mit Stahlberger und Knuts Koffer die Vergangenheit und, quasi pars pro toto, die florierende Ostschweizer Kleinkunstszene mit der Zukunft, hier alias Knuts Koffer, und auch mit jener des Kulturvereins Open Ohr. Auf weitere 20 Jahre, will man hoffen.
Mari Fuchs - Wiler Zeitung
Zum Jubiläum gab es Brunch
und Stahlberger
Mit einem Brunch feierte der Kulturverein «open Ohr» am Sonntag sein
zwanzigjähriges Bestehen. Für die Festlichkeiten kehrte man dahin
zurück, wo alles begann.
Vor zwanzig Jahren waren die
Kleider noch bunter. Zumindest soweit sich dies auf der schwarz-weissen
Kopie eines Zeitungsseite aus dem November 1991 beurteilen lässt. Auf
dem Foto abgebildet sind Michael Vogel, Bruno Metzger, Edgar
Baumgartner, Karin Gämperle und Alex Brühwiler, die Gründer von «open
Ohr». In Hawaiihemden, mit Schnäuzen und wallenden Haaren begründeten
sie an jenem 9. November in der Eintracht den Kirchberger Kulturverein.
Mittel zum Zweck
Ihr Traum war es, in Kirchberg ein Rock und Blues Festival zu
veranstalten. Ein Traum der sich erfüllen sollte. «Als Verein kam man
besser an Sponsoren heran», sagt Präsident Max Weber heute. Was als
Mittel zum Zweck begann, wurde schnell zum Selbstzweck. Nach dem
erfolgreichen Festival, auf welchem unter anderem «Patent Ochsner»
spielten, holte «open Ohr»
jahrelang immer wieder Bands nach Kirchberg ins Depot. Heute spielt die
Musik in der Eintracht, «open Ohr» verlagerte seinen Fokus auf Kabarett
und Kleinkunst. Die Saison dauert vom Herbst bis zum Frühling. Während
dieser Zeit präsentiert der Verein Szenegrössen im Depot oder in der
Aula des Oberstufenschulhauses Lerchenfeld.
Üppiger Brunch
Mit einem riesigen Brunch feierten die Kirchberger Kulturfreunde nun am
Sonntag das zwanzigjährige Bestehen ihres Forums. Rösti, Birchermüesli,
Zopf , Speck; die vollständige Menükarte wäre wohl mehrseitig geworden.
Das luxuriöse Festessen war öffentlich, Vereinsmitglieder schlugen
gratis zu. Und zuschlagen taten sie gründlich. Die sonntäglich
entspannte Atmosphäre und strahlendes Herbstwetter machten Appetit.
Unstillbar ist bei den offenen Ohren natürlich auch der Appetit nach
Kunst. Dem wirkte der Vorstand mit den Delikatessen «Knuts Koffer» und
Manuel Stahlberger entgegen. Keine langen Festreden, «open Ohr» tat nach
dem Essen das, was er am besten kann: Die Kultur sprechen lassen.
Kirchberger Beteiligung
Zunächst ergriffen «Knuts Koffer» das Wort. Die Plattentaufe ihrer
dritten CD noch in den Knochen zeigte sich die nach wie vor aufstrebende
Satire-Band leicht angeschlagen in absoluter Bestform. Die bissigen
Texte sassen und die Instrumentalfraktion um den Kirchberger Pianisten
Ueli Kempter zauberte die Musik dazu. «Knuts Koffer» sangen italienisch,
spanisch und deutsch, über Renzo Blumental, die Liebe zur Pizza und
schmerzende Geschlechtsteile.
Gewohnt wortkarg betrat der
bitterböse St. Galler Musikzyniker Manuel Stahlberger die Bühne. Was die
armen Bürger auch machen, Stahlberger demaskiert sie in der zuweilen
haarsträubenden Eindimensionalität ihres Tun und Lassens. Stahlberger
ist uneingeschränkt als genial zu bezeichnen. In ihrer Musikalität
reduziert treffen Songs über das Schneeschuhlaufen, Rentner oder
Flawiler schlicht zu. Und Stahlberger meint jeden im Publikum. Nach
einem weiteren Set mit «Knuts Koffer» genossen die Kirchberger
Kulturfreunde den schönen Sonntag sicherlich trotzdem.

